Der Wildseeloder ist der Hausberg von Fieberbrunn. Als breiter, wuchtiger Gipfel im paläzoischen Dolomitzug, der zwischen Hörndlinger- und Pletzergraben einen geschlossenen Gebirgsblock bildet und das Tal von Fieberbrunn nach Süden abschließt, nimmt er dort die beherrschende Stellung ein. Loder ist der volkstümliche Ausdruck für Mann. Und genau wie ein breitschultriger, großer Mann in der Tischrunde, nimmt der Wildseeloder seine beherrschende Stellung gegenüber seinen Nachbargipfeln wahr. Der Name Wildseeloder hängt mit dem wunderschönen Karsee zusammen, der zwischen ihm und dem östlich anschließenden Gipfel der Henne liegt. Auch dieser Berg hat seinen Namen von seiner bezeichnenden Form. Sein langer gezackter Gipfelgrat hat ausgeprägte Ähnlichkeit mit dem Kamm eines Hahnes oder auch einer Henne.

Der heutige Name Wildseeloder entstand wahrscheinlich erst in der Zeit des aufkommenden Alpinismus, als man bestrebt war, den schönsten Berggestalten auch die entsprechenden klangvollen Namen zu geben. Unsere Vorfahren waren in dieser Hinsicht viel nüchterner und trockener. Soweit sie eine Namensgebung überhaupt interessierte, richtete sich diese nach Alm- und Flurbezeichnungen der Umgebung, oder es wurde der Berg nach seiner Ähnlichkeit mit Tieren oder auch nur Gegenständen der bäuerlichen Welt bezeichnet. So auch unser Wildseeloder. Er wurde kurzerhand als Loder, oder auch als Seeloder bezeichnet. Damit war der Berg oder besser das Schafgebirge, das sich über dem See erhebt, eindeutig bezeichnet. Auch der Wildsee hat seinen Namen nicht wegen seiner wildromantischen Lage, sondern weil er oberhalb der Wildalpe liegt. Diese Wildalpe allerdings war den Alten der wesentliche Kern des ganzen Bereiches. Die Flurnamen und Höhen der Umgebung wurden nach ihr benannt: Wildalphöhe, Wildalpplatte – heute kurz „Platte“ genannt.

Die landschaftliche Schönheit und Vielfalt des Wildseelodergebietes mit einer Überfülle einer artenreichen alpinen Flora ist durch den geologischen Bau bedingt. Zwei Gesteinsarten stoßen hier aufeinander. Ein braun anwitternder paläozoischer Dolomit, ein kalk- und magnesiumreiches Gestein, welches aus Meeresablagerungen entstanden ist, und der Porphyroid, ein Tiefengestein vulkanischen Ursprungs. Diese Gesteine bilden vielfältige Felsformen, sowohl in der Struktur wie auch in der Farbe. Die braunen Dolomitfelsen bauen die Gipfel der Henne und des Wildseeloders auf, sie bilden die Seewand und den östlichen Gipfelgrat der Henne. In ihnen spiegelt sich das seltene Alpenglühen der Grasberge in schönem Kontrast zu den wuchernden Latschenbüschen und Grasbändern, welche den Fels durchsetzen. Auf ihnen blühen Edelweiß und Platenigl, Enzian und Kohlröschen neben einer Vielzahl von Streinbrech und anderen Blumen. Der südlich anschließende Porphyroid baut den Gipfel des Marackers und die Felsen der Seenieder auf. Der Gesteinswechsel verläuft ungefähr mitten durch den See. Die Felsen des Porphyroids sind teilweise dunkel und düster, so etwa der Felsbereich, der von der Seenieder direkt in den See abfällt. Andererseits aber wieder grünlich schimmernd und von hellen Quarzgängen durchzogen. Wer im Abend- oder im Morgenlicht den Übergang von der Seenieder zum Reckmoosgatterl geht, dem fällt das rote bis violette Leuchten der Gesteinsblöcke auf, hervorgerufen durch Eisenerzeinsprengungen im Gestein. Dunkelrote Alpenroseninseln leuchten im Frühjahr in den Hängen und Felsen des Porphyroids, während die hellrote behaarte Alpenrose etwas später in den Dolomitbereichen blüht. Für jeden naturkundlich Interessierten ist das Gebiet um den Wildseeloder eine unerschöpfliche Fundgrube. Sogar eine einzelne schöne Zirbe steht am Nordhang der Henne, ein Baum, der ansonsten in dieser Gegend nirgends vorkommt.
Wenn vorher die Rede davon war, dass neben Meeresablagerungen auch vulkanisches Gestein die Berge um den Loder herum aufbaut, so darf daraus aber nicht geschlossen werden, der Wildsee liege in einem erloschenen Vulkankrater. Der Wildsee ist ein sogenannter Karsee wie die allermeisten Bergseen, sein Bett eine eiszeitliche Bildung, also allerjüngsten geologischen Datums. Zur Zeit des Hocheisstandes waren unsere Berge fast durchwegs von fließenden Gletschern bedeckt, welche aus dem geologischen Rohbau in vier Eiszeiten die heutige Form herausmodellierten. Die abgerundeten, gebuckelten Gipfel, wie Lärchfilzkogel sowie das Gelände der Seenieder, der Bereich des Reckmoosgatterls bis hinaus zur Schmerlhöhe waren vom Eis überflossen, wurden abgehobelt und geformt. Nach dem Rückzug und dem Abschmelzen der Gletscher nach der letzten Eiszeit setzte die Erosionszeit des Wassers ein, gab den Bergen den letzten Schliff und bereitete das Erscheinen der Vegetation vor. Das Kar des Wildsees hat eine auffallende Parallele im Kar, das sich östlich zwischen Henne und Maracker gegen die Reckmoosbahn hin erstreckt. Beide Kare verdanken ihre fast gleiche Form demselben geologischen Unterbau und denselben Gletschern, die sie herausmodelliert haben. Nur wurde beim Kar zwischen Henne und Maracker die Schwelle, welche beim Wildseeloderkar bestehen blieb und den See aufstaut, durchbrochen und die Eintiefung, die beim Wildsee ebenfalls bestehen blieb, talwärts ausgeflacht. Die Bildung eines geschlossenen Troges, wie er für den Bestand eines Sees notwendig ist, entsteht vielfach durch unterschiedliche Druckverhältnisse in der Masse des fließenden Gletschereises. Eis wird unter starkem Druck plastisch und schmiegt sich in diesem Zustand um Felsrippen und ähnliche Widerstände herum. Nicht unter Druck stehende Eismassen lasten hingegen mit ihrem gesamten Gewicht auf dem Untergrund und zermalmen diesen mit ihrer Grundmoräne (auf dem Grund des Gletschers mitrollende Gesteinsmassen). Dadurch entstehen insbesondere in weicherem Untergrund oder sonstigen Schwächezonen Eintiefungen. In unserem Falle mag der Gesteinswechsel Pophyroid-Dolomit, der ja eine Schwächezone ist, die Ursache gewesen sein. Ein weiterer derartiger Karsee befand sich ursprünglich hinter der Wildalm. Er ist schon längst verlandet. Ebenso befinden sich noch Lacken, möglicherweise als Reste eines ehemaligen Sees, im Kar unterhalb der Platte.
Dieser kurze, kaleidoskopartige Blick auf unseren Hausberg vermag nur ein paar Streiflichter zu zeigen von der Vielfalt, die dem Bergwanderer da oben begegnet. Von allen, die unser Lodergebiet besucht haben, zu welcher Jahrszeit auch immer, wird es als ein Juwel von landschaftlicher Schönheit geschätzt. Dies ebenso von Bergwanderern wie von großen Alpinisten, die viele Berge der Welt gesehen und erlebt haben.
Dipl. Ing. Paul Egger